Mossul

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Mossul

Und wieder im Irak. Diesmal unter anderem mit dem Ziel, mir ein eigenes Bild von der Lage im Bereich der vom IS befreiten Gebiete rund um Mossul zu machen, da bei meinem letzten Besuch im November dort noch gekämpft wurde.

Wir erinnern uns, während des Arabischen Frühlings im März 2011 erhob sich das syrische Volk gegen das Regime von Bashar Assad. Sicherheitskräfte reagierten prompt und mit harten Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung. Im Gegenzug entstand ein bewaffneter Widerstand unter der selbsternannten Syrian Free Army, der Ende 2011 von Erfolg gekrönt schien. Bis der Iran eingriff und seine Revolutionsgarden entsandte, die zusammen mit Kämpfern der Hezbollah und Shiiten aus dem Irak, Afghanistan und Pakistan das Blatt zugunsten von Assad wendeten. Mit dem Ergebnis, dass der syrische Widerstand sich zunehmend radikalisierte und Extremisten wie die Al-Nusra Front und den IS emporbrachte. Mit Abzug der US-Truppen aus dem Irak im Dezember 2011 wuchs unter dem damaligen irakischen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki, enger Verbündeter des Iran und unterstützt durch shiitische Milizen, der Druck auf sunnitische Minderheiten im Land. Proteste und Aufstände in sunnitisch dominierten Landesteilen waren die Folge. Trotz brutalen Vorgehens irakischer Sicherheitskräfte ergab sich in verschiedenen Gebieten ein Machtvakuum. Anfang 2014 nutzte der IS, in Syrien gestärkt, diesen Zustand und besetzte sunnitisch dominierte Zentren im Irak, unter anderem Mossul, zweitgrößte Stadt im Land.

Meine kurdischen Begleiter sind mit der Geografie vertraut und wählen Schleichwege, über die wir letzten Endes den Stadtrand von Mossul erreichen. Doch zuvor passieren wir mehrere von der Peshmerga besetzte Checkpoints. Man kennt sich und die Begrüßung ist herzlich, wir können ungehindert passieren. An einem Kontrollposten werden wir gebeten, kurz zu warten, da ein IS-Konvoi in einiger Entfernung versucht, die nahegelegene syrische Grenze zu erreichen. Wir lauschen dem Feuergefecht unter Einsatz von Granatwerfern und schweren Maschinengewehren und verbringen die Zeit bei einer Tasse Chai im Windschatten der Befestigungsanlage. Auch wenn der Winter in der kurdischen Tiefebene relativ mild verläuft, beginnen wir zu frösteln. Detonation hinter uns irritieren kurzfristig bis wir erfahren, dass ein Räumkommando ein neues Minenfeld entdeckt hat. Kurz darauf setzen wir unsere Fahrt im Bereich des ehemaligen Kalifats auf improvisierten Pisten fort. Die Region wurde erst vor kurzem durch irakisches Militär und die Peshmerga vom IS befreit. Totes Vieh, umherliegende Munition und zerstörtes Kriegsgerät zeugt noch von den jüngsten Kämpfen. Auch hier sind, wie bereits auf meiner letzten Reise im November an anderer Stelle gesehen, Ortschaften verlassen, viele Gebäude durch Kriegseinwirkung stark beschädigt.

Wir erreichen die Ortschaft Tallkayf, an den Fassaden prangt noch das Logo des Islamischen Staates. Auf den Straßen sammeln sich Trauben erschöpfter Flüchtlinge aus Mossul, in die Gegenrichtung wandern Rückkehrer, die vor der Eintönigkeit und Hoffnungslosigkeit in den IDP-Camps (Internally Displaced Persons – Binnenflüchtlinge), wo sie bis zu drei Jahre verbracht haben, fliehen. Vereinzelt sind Schüsse zu hören, die Suche nach untergetauchten IS-Kämpfern hält an. Wir besichtigen eine Mehlfabrik, die Belegschaft starrt mich ungläubig an – der erste Ausländer seit Besetzung durch den IS 2014. Ich werde innig umarmt, als müsste man sich durch die Berührung davon überzeugen, dass ich echt bin und der Albtraum IS vorbei ist. Die Fabrik ist bis auf ein paar Granattreffer noch gut erhalten und wird die Produktion mit überschaubarem Instandsetzungsaufwand wieder aufnehmen können. Bei Mehlsäcken mit dem Aufdruck “Produce of Islamic State” denke ich an meine ersten Erkundungstouren in die ehemalige DDR nach dem Mauerfall, wo alles noch den Aufdruck “VEB Irgendwas” trug. Zugegeben, der Vergleich hinkt, trotzdem bekomme ich eine Gänsehaut. Nicht weit davon entfernt befindet sich eine Limonadenfabrik, es bietet sich ein ganz anderes Bild. Verwaltungsgebäude und Fabrikationshallen sind komplett zerstört, hier hilft nur der Einsatz von Bulldozern um Raum für den Neubau zu schaffen. Neben zurückgelassenen Waffen, Munition, Verbandszeug und Medikamenten finde ich ein Nachrichtenblättchen des IS, gedruckt auf billigem Papier, voll mit Propaganda und Durchhalteparolen. Unter anderem rühmt sich die türkische Zelle des IS, mit Boden-Luft-Raketen in Istanbul drei Flugzeuge abgeschossen zu haben. In anderen Medien habe ich davon nichts gehört.

Wir erfahren, dass Kenntnis über meine Anwesenheit die Runde macht. Da ich mich nicht durch schnellen Bartwuchs und wallende Gewänder unkenntlich machen kann, beschließen wir unsere Fahrt fortzusetzen um uns nicht der Gefahr durch versprengte Teile des IS auszusetzen. Am Stadtrand von Mossul ist der Blick auf die Stadt durch einsetzenden Nieselregen und den Dunst, hervorgerufen durch die lauten Explosionen auf dem Westufer, getrübt. Das Tagesziel ist erreicht, für morgen ist ein mehrtägiger Aufenthalt in Mossul bei Bekannten, die unter dem IS-Regime vor Ort geblieben sind, vorgesehen.

Auf der Rückfahrt werden wir mit ganz alltäglicher Gefahr konfrontiert. Ein Fahrer vor uns verliert die Kontrolle über sein Auto, dreht sich bei hoher Geschwindigkeit zwei Mal um die eigene Achse und rast in die Böschung, woraufhin er sich mehrfach überschlägt. Wir entgehen einer Kollision nur haarscharf durch das reaktionsschnelle Ausweichen unseres Fahrers. “Alle tot.” denken wir. Aber nein, der Fahrer entsteigt dem Wrack durch das Seitenfenster und wirkt zunächst bis auf Prellungen und Schnittwunden unverletzt. Vielleicht hat er unüblicherweise seinen Sicherheitsgurt getragen. Als ich auf der Weiterfahrt instinktiv meinen Sicherheitsgurt anlegen will, werde ich ausgelacht: “You are in Kurdistan, here you don’t need a safety belt!”.

Am nächsten Tag wählen wir eine andere Route, um nach Mossul zu gelangen. Die Stimmung hat jedoch deutlich umgeschlagen, Kontrollposten sind nervös. Auch auf dieser Route herrscht ein enges Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und meinen Begleitern, trotzdem wird länger als sonst debattiert und ich werde nur nach zähen Verhandlungen durchgelassen. Ich spüre, dass im Gegensatz zum Vortag Sorge um mein Wohlergehen als erkennbaren Ausländer mitschwingt. Am letzten von den Peshmerga besetzten Checkpoint erfahre ich den Grund. Shia-Milizen haben in der Nacht entgegen bisheriger Absprachen mit der irakischen Regierung einen neuen Ring um die Stadt geschlossen. Vor uns besetzen sie ein leerstehendes Gebäude und sind dabei, diesen bislang freien Weg in die Stadt unter Einsatz von Radladern mit einem Erdwall zu blockieren.

Irakische Shia Milizen, bekannt als Hash’d al Shaabi oder Popular Mobilization Forces (PMF), wurden 2014 durch den obersten religiösen Führer der Shia, dem iranischen Grand Ayatollah Ali al-Sistani gegründet. Sie sind demnach ein durch den Iran gelenktes Konstrukt, werden zum großen Teil direkt durch den Iran finanziert und sind Teil der iranischen Shia Liberation Army (SLA). Neben Irak ist die SLA auch an den Fronten im Jemen und in Syrien aktiv. Die shiitischen PMF verkörpern damit eine der aktuellen Konfliktlinien im Irak, der zerrissen ist zwischen ethnischen und religiösen Spannungen, staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren sowie in- und ausländischen Interessen.

Einheiten der PMF haben sich zwar bereits bei der Befreiung anderer Städte im Irak vom IS einen Namen gemacht, trotzdem wurden sie erst im November 2016 von der irakischen Regierung offiziell in das Truppenkontingent zur Einnahme von Mossul integriert. Internationale Menschenrechtsorganisationen, allen voran Amnesty International, zeichnen ein düsteres Bild. Sie werfen den shiitischen PMF Menschenrechtsverletzungen an der sunnitischen Zivilbevölkerung – Folter, Mord und Plünderungen – in ehemals vom IS besetzten Gebieten vor.

Wir beobachten gemeinsam mit den für diesen Grenzabschnitt zuständigen Peshmerga die hektische Betriebsamkeit der PMF. Es gibt lange Gesichter. Unmut macht sich breit, als der neu besetzte Kontrollposten bunt beflaggt wird. Shiitische Fahnen werden neben der irakischen Standarte gehisst. Ein unverhohlener Affront gegen die mehrheitlich sunnitisch geprägten Peshmerga und Einwohner Mossuls. Bislang habe ich hier nur die Flagge Kurdistans gesehen. Die Sorge der Einwohner wächst – droht ihnen nach der Schreckensherrschaft des IS nun Vergeltung durch Shia-Milizen? Diese Sorge erhält neue Nahrung, als aktuelle Nachrichten von der Plünderung leerstehender Häuser und von Konvois mit Hilfslieferungen die Runde machen. Mir wird geraten die Weiterreise nach Mossul, obwohl jetzt nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, zu vertagen. Zu groß ist die Gefahr, in der aufgeheizten Stimmung von Shia-Milizen festgesetzt zu werden. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit den Peshmerga und fahren zurück.

Ich nehme später telefonisch Kontakt mit meinem vorgesehenen Gastgeber in Mossul auf. Er spricht ausgezeichnet englisch, sein Redefluss ist mit Kraftausdrücken durchsetzt und Verzweiflung klingt durch. Den Entschluss, ihn heute nicht besucht zu haben bekräftigt er. Die Lage ist unübersichtlich und dynamisch, Sicherheit kann auch im Ostteil der Stadt durch die verschiedenen Armee-Einheiten nicht gewährleistet werden. Sie sind im Kampf gegen den IS gebunden, durchsuchen befreite Stadtteile nach versprengten oder untergetauchten IS-Kämpfern, wieder andere üben sich im Säbelrasseln untereinander und versuchen, Stadtteile für sich zu beanspruchen. Die Lage erinnert an Libyen Ende 2011, als verfeindete Milizen die Hauptstadt Tripolis unter sich aufteilten. Wie sich die Lage dort entwickelte, ist hinlänglich bekannt.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Flüchtlingsstrom aus der Stadt in die neu errichteten Auffanglager anhält, täglich kommen dort bis zu 150 Familien an, werden registriert und auf IDP-Camps verteilt. Paradoxerweise ist in der Gegenrichtung ebenfalls ein Strom an Menschen zu sehen, die in ihre Häuser in den befreiten Stadtteilen Mossuls zurückkehren wollen (ein Anreiz mögen die neu vereinbarten 1.300 US-Dollar Rückkehrprämie des irakischen Staates sein). Und das, obwohl der IS Wasser- und Stromversorgung durch Zerstörung der Anlagen unterbunden hat und die Versorgung mit Nahrungsmitteln und sonstigen Gütern des täglichen Bedarfs nur unzulänglich erfolgt. Auch davon berichtet mein Gastgeber über das Telefon. Und es gibt ein starkes Bedürfnis nach verlässlichen Lageinformationen und Sicherheit. Viele stehen noch unter dem Eindruck der Besatzung durch den IS und trauen dem “Frieden” nicht. Insbesondere da es aus Sicht der Bevölkerung kein koordiniertes Vorgehen der Koalitionstruppen gibt und sich Angst vor dem Einrücken der Shia-Milizen breit macht.

Alles in allem zunächst keine guten Voraussetzungen für einen nachhaltigen Frieden in der Region, auch nicht nach Niederschlagung des IS.

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