Mossul revisited

posted in Städtereisen

Mossul revisited

Und wieder in Mossul, diesmal nachdem die Kampfhandlungen eingestellt sind. Während die Altstadt auf dem Westufer nach den monatelangen Gefechten, Luftangriffen und Bombardements in Trümmern liegt, ist im Ostteil der Stadt die Normalität zurück gekehrt. Dort sind im wesentlichen nur größere Komplexe wie Regierungsgebäude, Universitäten und Industrieanlagen zerstört, die Wohnviertel weitestgehend intakt. Hotels gibt es keine mehr, ich übernachte bei Freunden im Keller. Ein Besuch auf der Westseite des Tigris offenbart bedrückende Bilder. Schutt und Trümmer beherrschen das Bild. Obwohl die letzten Anhänger des Islamischen Staates IS vor über sechs Monaten vertrieben wurden, sind kaum Menschen anzutreffen. In den verlassenen Ruinen liegen Skelette und mumifizierte Menschenreste, Tausende Leichen sind noch unter den eingestürzten Gebäuden begraben. Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Munitionsreste und Sprengfallen sind für Rückkehrer eine lebensbedrohende Gefahr. Trotzdem gibt es Anzeichen der Hoffnung. Ich verständige mich über meine Begleiter mit den Inhabern eines kleinen Ladens, der erst vor Kurzem wieder in einem ansonsten verlassenen Straßenzug eröffnet hat und Zigaretten und Süßigkeiten anbietet. Fenster, fließend Wasser und Strom gibt es nicht. Wir trinken Tee und hören uns die leidvollen und erschütternden Geschichten unter der Besatzung des IS und der Kämpfe im Stadtgebiet an. Hier hat jeder Einwohner Angehörige verloren, wurde verletzt oder musste fliehen. Hilfe kommt nur spärlich, wenn überhaupt, an. Die Menschen, die es wagen zurück zu kehren, sind auf sich selbst angewiesen. In einer Schule finde ich Mathematikhefte, die von der Indoktrination unter der Herrschaft des IS zeugen. Mit Bildern unterlegt werden einfache Aufgaben gestellt, die ein klares Feindbild erzeugen, sinngemäß übersetzt: Wenn vier aufrechte Märtyrer des IS mit jeweils zwei Panzerfäusten ausgestattet sind, wie viele Kampfwagen der ungläubigen Shia können sie damit vernichten? Kein Wunder, dass viele Eltern ihre Kinder nicht zur Schule geschickt haben. Ich nehme ein paar Exemplare mit. Auch Durchhalteblättchen des IS liegen zwischen den Trümmern. Am Ufer des Tigris sehen wir Einwohner, die Steine sammeln und mit Instandsetzungsmaßnahmen beginnen, Kinder suchen in Autowracks nach wertvollem Kupferdraht. Ich treffe einen Iraker, der vor dem Einmarsch des IS nach Europa flüchtete und einige Jahre in Dresden verbrachte. Er spricht gut Deutsch und wir unterhalten uns länger. Er ist zurück gekehrt, um den Überlebenden seiner Familie beim Wiederaufbau zu helfen und kennt die Bilder aus deutschen Großstädten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Seine Hoffnung ist es, dass auch in Mosul die Kriegsschäden eines Tages beseitigt sind und die Menschen dort unabhängig von ihrem Glauben und ihrer politischen Gesinnung wieder friedlich miteinander leben werden.

error: Geschützter Inhalt!