Sinjar

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Sinjar

Kurz nach Überschreiten der Befestigungslinie (einem aufgeschütteten Erdwall, dicht besetzt mit Posten der kurdischen Peschmerga) an der Grenze zum Kalifat des Islamischen Staats IS betrete ich “verbrannte Erde”. Die Landschaft ist von Agrarwirtschaft geprägt, Dörfer und Städte sind jedoch meist menschenleer und liegen in Trümmern. Es bietet sich ein Bild der Verwüstung, der IS hat ganze Arbeit geleistet. Heiligtümer und Kulturdenkmäler im Zweistromland von Tigris und Euphrat, der Wiege des christlichen Glaubens, wurden mit Bulldozern und Sprengstoff unwiederbringlich zerstört. Die irakische Luftwaffe, unterstützt von Koalitionstruppen, hat im Kampf gegen den IS Flächenbombardements eingesetzt, auf ihrem Rückzug hat der IS verbleibende Gebäude und Infrastruktur gesprengt.

In einer ehemals von 80.000 Bürgern bewohnten Stadt halte ich an und steige aus. Wo einst Kurden und Araber – Shia, Sunni, Christen und Jesiden – friedlich neben- und miteinander lebten empfängt mich gespenstische Stille. Im August 2014 verübte der IS ein Massaker an hier lebenden Jesiden, rund 5.000 wurden binnen kurzer Zeit in der Stadt und in den umliegenden Dörfern getötet, Frauen und Kinder wurden in die Sklaverei verkauft.

Verwesungsgeruch steigt mir in die Nase. Noch sind Räumtrupps in die befreiten Gebiete nicht vorgedrungen. Sprengfallen des IS sowie scharfe Munition und Bomben stellen eine allgegenwärtige Gefahr dar. Leichen und Leichenteile liegen in den Straßen und unter dem Schutt. Das Betreten ist lebensgefährlich. Entsprechend zögerlich ist die Bereitschaft der ehemaligen Einwohner zurückzukehren. Stattdessen warten sie in Flüchtlingslagern der Nachbarländer oder in sogenannten “IDP”- Zeltlagern (internally displaced persons) außerhalb der Grenzen des Kalifats seit Jahren auf eine Möglichkeit zur Rückkehr. Oder sie sind als Flüchtlinge nach Europa oder Übersee gereist. Und der Flüchtlingsstrom aus dem zerfallenden Kalifat hält an.

Im Bestreben, vor dem endgültigen Fall seines Kalifats noch maximalen Schaden anzurichten, sind willkürliche Hinrichtungen an Zivilisten, Angriffe auf Militärposten und weitergehende Zerstörungen durch den IS an der Tagesordnung. Fast jeder meiner Gesprächspartner hat seine eigene haarsträubende Geschichte zu erzählen und Angehörige verloren. Kein Zweifel, der IS hat mit seiner Schreckensherrschaft eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und die Identität der Region auf Dauer zerstört.

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