Götter, die rauchen …

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Götter, die rauchen …

Das Gebiet in Indien, in dem Theyyam “Tanz für die Götter” verbreitet sind, umfasst den Nordteil von Kerala und den nördlich angrenzenden Bundesstaat Karnataka entlang der Malabarküste einschließlich des bergigen Hinterlandes von Kodagu.

Zu den im Theyyam verehrten Mächten gehören die Geisterseelen der auf unnatürliche Weise, also durch Unfall, Mord oder Selbstmord verstorbenen Menschen, die nicht vorschriftsmäßig bestattet werden konnten, mythische Helden sowie vergöttlichte Ahnen, Tiere, Naturkräfte und Schutzgottheiten von Dörfern. Ein großer Teil der anbetungswürdigen und gefürchteten jenseitigen Kräfte fanden im Lauf der Zeit innerhalb des Volksglaubens den Weg in den Theyyam-Kult, wo sie zum Wohl der Gemeinschaft wirken sollen. In dem Ritual verkörpert sich die Gottheit in einem Orakeltänzer, aus dessen Mund sie weissagt.

Der Hauptdarsteller heißt Kolakarran, „der Mann, der die Form einer Gottheit annimmt“. Zu seinen Vorbereitungen gehört, dass er einige Nahrungs- und andere Gebote einhält – zwischen einem und 14 Tagen vorher sollte er vegetarisch und enthaltsam leben. Am Tag der Aufführung wird der Schrein mit Bananenblättern, Blumen und Kokosnüssen dekoriert. Die Dorfbevölkerung hat sich dem Anlass entsprechend festlich gekleidet.

Der Ablauf nach den vollzogenen Reinigungsritualen gliedert sich grob in folgende Programmpunkte:

Der Darsteller meditiert zunächst im Umkleideraum, er und seine Assistenten singen dort religiöse Lieder. Der Darsteller tritt dann mit einem einfachen Kostüm vor den Schrein, wo er mit der Anrufung der Gottheit beginnt. Nachdem er weitere Teile des Kostüms erhalten hat, trägt der Darsteller einige Balladen mit geschichtlichen Erzählungen aus dem Leben der Gottheit vor. Nach dieser Einführung zieht sich der Darsteller in den Vorbereitungsraum zurück, wo er für die Transformation zum Theyyam-Gott geschminkt wird. Ein Assistent hilft ihm bei der Bemalung, die sehr sorgfältig ausgeführt werden muss und mindestens zwei Stunden dauert, da jede Linie eine symbolische Bedeutung besitzt. Der Darsteller erhält nun das gesamte Kostüm und den Kopfputz. Sobald der Darsteller im Tempelhof mit dem gesamten Kostüm ausgestattet wurde, kündigen die Trommeln den Beginn des Anrufungs- und Verwandlungsrituals an. Bis zu diesem Zeitpunkt haben ein oder mehrere Priester den Schrein rituell gereinigt und Opfergaben zusammen mit Öllampem und vor allem einen Ton- oder Bronzetopf, der frisch zubereiteten Toddy enthält, auf dem Altar arrangiert. Der Darsteller strahlt eine majestätische Würde aus, er blickt in einen bereitgehaltenen Spiegel, um sich seiner Transformation zu vergewissern, Assistenten prüfen noch einmal sein Kostüm. Kostüm und Gesichtsbemalung haben die Bedeutung einer Ganzkörpermaske und bewirken im Wortsinn eine Verpuppung. So geschützt hat der Akteur nicht nur seine Kastengrenze verlassen, sondern auch die Zwänge gesellschaftlicher Normen, außerhalb derer er beispielsweise eine vulgäre Sprache verwenden darf. Make-up und Kopfputz sind unentbehrliche Mittel, um die göttliche Energie während des langen Verwandlungsprozesses in den Darsteller zu leiten. Im Besessenheitstanz, begleitet von Trommeln, verkörpert er die Gottheit, befragt die Anwesenden und spendet ihnen den Segen. Er nimmt zuletzt vor dem Schrein seine Krone ab und beendet das Ritual.

Im hier gezeigten Theyyam helfen Teilnehmer, die meterhohe Krone aufzustellen und sorgen dafür, dass der Tänzer sich mitsamt der Konstruktion im Kreis drehen kann.

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