Götter, die durch Feuer laufen …

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Götter, die durch Feuer laufen …

Nah dran, sehr nah dran. Gerne hätte ich mehr Weitwinkel als die aktuellen 24mm an meiner Kamera zur Verfügung. Die Hitze des Feuers ist fast unerträglich, der anhaltende Trommelwirbel macht mich taub. Staub und Rauchschwaden ziehen durch die Luft. Barfuß auf dem heiligen Boden der geweihten Fläche trete ich auf verstreut herumliegende Kohlen und brennenden Reisig. Es ist drei Uhr morgens, aber von Müdigkeit keine Spur. Das Theyyam nähert sich seinem Höhepunkt.

Theyyam sind hinduistische Ritualtheater, die im Norden des südindischen Bundesstaates Kerala auf dem Gelände eines kleinen Dorftempels, auf einer dafür hergerichteten Freifläche oder an einem Schrein aufgeführt werden. Durch Kostüme, Make-up, begleitende Trommelmusik und den Gesang heiliger Verse geraten die niedrigkastigen Akteure in einen Zustand der Besessenheit, in welchem sie eine Gottheit verkörpern. Theyyam gehören zur sehr alten Tradition des Bhuta-Kults, bei dem ein besitzergreifender böswilliger Geist hervorgerufen und besänftigt wird, bis er am Ende zu einer beschützenden Macht umgewandelt wird und den Gläubigen seinen Segen erteilt. Den Ritualen liegt das Konzept zugrunde, dass sich eine personifizierte höhere Macht durch entsprechende Vorbereitungen in einem tanzenden Akteur manifestiert und diesen für die Dauer des Rituals in den Status der jeweiligen Gottheit erhebt. Die Transformation in eine Gottheit ist kein alltäglicher Akt. Ein Darsteller, der seine gesellschaftliche Position für eine gewisse Zeit hinter sich lässt und zu einer Gottheit wird, befindet sich in einem trance-ähnlichen Zustand. Die Zuschauer erwarten vom Theyyam-Darsteller, dass er sich vollkommen opfert und Schmerzen erduldet. Bei praktisch allen Aufführungen ist der Darsteller insbesondere durch den schweren Kopfputz, den er über mehrere Stunden tragen muss, körperlich in einem besonderen Maß gefordert. Als Überbleibsel vergangener Stammesrituale verletzt er sich in einigen Theyyams selbst und fügt sich blutende Kopfwunden bei, führt ein Messer in seinen Mund, taucht die Hände in siedendes Öl oder wird mit brennenden Fackeln drangsaliert. In den Theyyams Pottan, Ottakkolam und Kandanar Kelan geht er barfuß durch ein Feuer.

Das hier dargestellte Theyyam Kandanar Kelan beispielsweise beruht auf folgender Geschichte: Als der Bauer Kandanar Kelan im Busch ein Feuer entfacht, um neues Ackerland zu gewinnen, gerät das Feuer außer Kontrolle. Kelan wird von einer Schlange zu Tode gebissen, beide sterben vom Feuer eingekreist. Später kommt der Jäger Vayanatt Kulavan in den Wald, berührt mit seinem Bogen den verbrannten Körper Kelans und erweckt ihn dadurch wieder zum Leben. Die beiden befreunden sich und Kelan wird fortan als Gottheit verehrt. Vor der Aufführung dieses Stücks gehen Jäger in den Wald, erlegen ein Wild, das sie über dem Feuer garen und rituell verspeisen.

Die Aufführung dieses Teyyams beinhaltet beide Elemente des Todes. Der Darsteller ist auf seinem Oberkörper mit zwei gewundenen Schlangen bemalt und muss durch ein Feuer gehen.

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