Götter, die brennen …

posted in Events

Götter, die brennen …

Theyyam gehören zur Gruppe der Rituale, die von einzelnen unteren Volksgruppen im südlichen Indien durchgeführt werden. Die gläubigen Zuschauer und Unterstützer kommen aus der gesamten Bevölkerung des jeweiligen Gebietes, unter ihnen sind auch Brahmanen. Die Ritualtänzer gehören zu den niedrigsten Kastengruppen. Die Organisatoren der großen Festveranstaltungen stammen aus den oberen Kasten. Hinzu kommen Astrologen, Schirmmacher, Waschfrauen, auch Schmiede und Zimmerleute, die Feuerholz bringen, ebenso wie Goldschmiede, die für die Reinigung der Ritualgeräte und Waffen zuständig sind. Muslime sind für die Beschaffung von Feuerwerkskörpern zuständig, Mitglieder aus einer großen Zahl regionaler Kasten sind mit anderen Aufgaben betraut.

Die Aufführung eines Theyyams nimmt mit Pausen 12 bis 24 Stunden in Anspruch. Bei einem großen Theyyam, das zwei bis fünf Tage dauert, wird auf dem Platz vor dem Tempel oder Schrein ein großer Markt eingerichtet mit Imbissständen, Teeläden, Souvenirs und Haushaltswaren. Zu den Festvorbereitungen gehört die gründliche Reinigung des Tempelgeländes. Junge Männer aus den umliegenden Dörfern bringen Kuhdung, der mit Wasser vermischt und auf den Boden gestrichen wird. Anschließend bemalen Tempelpriester den Boden mit bunten Mustern.

Die großen Festveranstaltungen werden jährlich zu einer bestimmten Zeit durchgeführt. Die Kosten für die Organisation können beträchtlich sein, da bei einigen die Tradition verlangt, dass die gesamte Gemeinde der Gläubigen über mehrere Tage verpflegt werden muss. Je nach finanziellem Vermögen eines Dorfes können manche Theyyams daher nur alle zwei oder fünf Jahre stattfinden.

Sobald der Darsteller im Tempelhof mit dem gesamten Kostüm ausgestattet wurde, kündigen die Trommeln den Beginn des Anrufungs- und Verwandlungsrituals an. Erst langsam bewegt der Darsteller seine Beine und tanzt gemessenen Schrittes, bis allmählich die Gottheit von ihm Besitz ergreift. Er verwendet verschiedene rhythmische Tanzchoreographien. Die Bewegungen werden wilder und breiten sich über den gesamten Körper aus. Im Hof vor dem Schrein führt der Tänzer, der nun kein Darsteller mehr, sondern die mythologische Hauptfigur ist, die dramatische Handlung bis zum siegreichen Abschluss vor, lautstark begleitet durch das gesamte Orchester. Mit seinen Waffen, einem Schild und einem Schwert umschreitet er den Schrein. Je nach Art des Theyyams führt der Tänzer zusätzlich eine Prozession an, die um das Tempelgelände herum oder durch das nahegelegene Dorf verläuft, um weitere Schreine zu besuchen. Nach der Rückkehr an den Altar überwacht unter Umständen die Tänzer-Gottheit die Opferung eines Huhns. Dieses Blutopfer ist an die Gottheit oder an die Vielzahl der Geistwesen in ihrer Umgebung gerichtet.

Traditionell verehrt jede Großfamilie, die als eine soziale Gruppe bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine steuerrechtliche Einheit bildete und über eigenes Land verfügte, einen oder mehrere Theyyams als ihre Schutzgottheit und veranstaltet für sie Rituale. Herkunft und Charakterzüge der mehreren hundert Theyyams sind in der Geschichte Keralas und der sozialen Situation der Menschen verwurzelt, die sie verehren. Die historischen Ahnen der am unteren Rand der Gesellschaft Lebenden waren einst Opfer von Unterdrückung, dann wurden die Ahnen zu mythischen Helden erklärt, die tapfer gegen das Unrecht kämpften, und schließlich zu Gottheiten erhöht. In gewissen Theyyams fechten sie den mythischen großen Kampf zwischen Gut und Böse gegen soziale Diskriminierung.

Eine andere Gruppe bilden Theyyams, die schon immer göttliche Wesen waren. Auch sie stehen parallel zur Menschenwelt in einer sozialen Hierarchie und tragen Konflikte aus, verbreiten Angst und üben Gewalt aus, was alles mit denselben Unterschieden von Machtbesitz, Status und dem Grad der rituellen Reinheit zu tun hat.

Im hier gezeigten  Theyyam Thee Chamundi wird eine mehrere Meter hoch aufgeschichtete Pyramide aus Holzstämmen und Ästen abgebrannt, bis ein Hügel aus glühender Holzkohle übrig bleibt. Helfer werfen die Gottheit mehrfach in den Gluthaufen und schleifen ihn am Boden weg.

error: Geschützter Inhalt!